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Ich
bin im Garten
und reche das letzte Herbstlaub zusammen. Es ist ein
wunderschöner Januarnachmittag, beinahe mild und die Sonne scheint. Die braunen Blätter,
die ich jetzt unter die Sträucher und in den Kompost befördere, sind teilweise
zusammengefroren. In Gedanken bin ich jedoch nicht bei der Sache. Der
Wettswil-Aktiv-Artikel liegt mir zwar nicht auf dem Magen, aber beschäftigt mich
trotzdem. Was nur möchte ich diesmal den Wettswiler Leserinnen und Lesern vorsetzen und
unter welchem Titel? |
Mutanfälle
kommt mir in den Sinn - so heisst das neue Buch
von Dorothée Sölle - wäre ein wunderbarer Titel. Mutanfälle brauchten wir alle für
etwas mehr Natur in unseren Gärten. Auch ich. Da liegen beispielsweise die dürren,
graubraunen Stengel von Brennesseln, wilden Karden und Königskerzen geknickt am Boden.
Wahrlich kein schöner Anblick. Mit viel Mühe und Mut kann ich mich zurückhalten, um
diese nicht mit Stumpf und Stiel auszureissen und meine Ordnung zu schaffen. Jedoch gerade
diese unordentlichen, geknickten hohlen Pflanzenstengel dienen zur Überwinterung von
Kleintieren: Käfern, Milben, Ohrwürmern, Wanzen, Spinnen und Schmetterlingsraupen.  |
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Dynamik
Mut braucht es auch, um die steten Veränderungen, die
eigenwillige Dynamik, welche die Natur uns bereithält, zuzulassen. Ich schaue mich um. An
einem sonnigen Flecken hat sich die Rasenfläche in eine artenreiche und von mir
geliebte - Kräuterfläche verwandelt. An anderer Stelle indes am Schattenhang -
wächst nur noch Moos, weder tritt- noch rasenmäherfest, ungärtnerisch, unbegreiflich
aber erlebnisreich, urtümlich mit allen Nuancen an Farben und Strukturen. Wiederum
spontan und erwünscht sind da und dort Johanniskraut und kleinblütige Königskerze
gediehen. Die natürlichen einheimischen Kräuter eines Walduntergrundes unter unseren
Heckensträuchern wollen sich jedoch partout nicht einfinden. Die von uns gepflanzten
Himbeeren sind irgendeinmal den Mäusen zum Opfer gefallen. Umgekehrt entwickelt sich nun
an einer Stelle, wo jemand einen offenen Kanister mit Diesel in unserem Garten
entsorgte" und dort den ganzen Boden verwüstete, eine üppig wuchernde Insel
von Nachtkerzen. In seinem Buch Der andere NATUR-Garten" schreibt Andreas
Winkler: Gärten naturnah zu gestalten ist eine befreiende Idee, die darauf baut,
dass der Mensch zu Veränderungen fähig ist. Sie umfasst eine neue Ethik, eine neue
Einstellung zur Natur und zu unseren Lebensgrundlagen. Hier liegt $die Chance des
Naturgartens: das er ein Ort des Seins und nicht des Habens ist." |
Am nächsten
Morgen
lese ich im Tagesanzeiger als Einleitung zu einem
Artikel über die nachhaltige Nutzung unseres Waldes: Willst du einen Wald
vernichten, pflanze Fichten, Fichten, Fichten. Willst du ihn dauerhaft erhalten, dann lass
den lieben Gott nur walten. (Georg Sperber, deutscher Waldexperte nach Vivian"
1990)". Na bitte, wenn das keinen Mut erfordert! |
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Wandlungen
Ein Baum liegt vom Sturm gefällt am Boden. Dutzende von Bäumen
liegen da, geworfen von ungeheurer urwüchsiger Kraft. Sonne flutet ungehindert auf die
Walderde, wärmt sie, trocknet sie aus. Samen, die vielleicht schon seit Jahrzehnten brach
in der Erde lagen, erwachen zu neuem Leben. Gräser, schmalblättriges Weidenröschen,
Johanniskraut, Königskerzen, Tausendgüldenkraut und Fingerhut erzeugen eine vielfältige
und farbenprächtige Krautschicht. Wildbienen und Hummeln werden vom Blütenreichtum
angelockt. Eine grenzenlose Anzahl von Schmetterlingen finden hier erstmals
Nahrungsquellen und Wirtspflanzen für ihren Nachwuchs. Holzfressende Insekten wie
Borkenkäfer, Rüsselkäfer und Schlupfwespen vermehren sich ungehindert am geworfenen
Holz. Aber auch ihre Antagonisten - Kurzflügler-Käfer, Laufkäfer und Spinnen - finden
sich ein und ernähren sich wiederum von diesen. Waldspitzmaus, Zwergspitzmaus, Haselmaus,
Mauswiesel, Igel und Eidechsen bevölkern das lichte Paradies. Himbeer- und
Brombeergeranke, Pilze und Moose bereichern die urtümliche Szene. |
In zwei,
drei, zehn Jahren werden einheimische Sträucher gewachsen und verschwenderisch
Nahrungsquellen und Brutstätten für zahlreiche Vögel sein: Roter und schwarzer
Holunder, Vogelbeere, Schlehe, Weissdorn, Vogelkirsche, Traubenkirsche, Pfaffenhütchen
und wilde Rosen bilden eine bunte, mannigfaltige Palette. Später dann werden die ersten
Bäume das dichte Buschwerk überragen; Birken, Eschen, Buchen, Eichen, Ahorne und
Fichten. Ein junger Wald ist entstanden.  Januar 2000, Verena Berger |
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